Der Rahmen stimmte: Während der Präsident der CVP-Landwirtschaftskommission Josef Bircher die Anwesenden zur Sitzung begrüsste, ging ein heftiges Gewitter über Schachen nieder. Wer nach draussen sah, wurde unweigerlich an eine Überschwemmung erinnert. Das Schauspiel passte perfekt zum gewählten Thema des Abends: dem Hochwasserschutz.
Auch der Standort war nicht zufällig gewählt: Für die gastgebende Familie Hofstetter bedeutet das vom Kanton initiierte Hochwasserschutz- und Renaturierungsprojekt Kleine Emme einen tiefen Einschnitt in ihr Leben. Nicht weniger als 8 Hektar Land soll sie abtreten, um in Schachen dem Fluss mehr Raum zu geben.
Ungenügender Hochwasserschutz
Sandro Ritler, Projektverantwortlicher des Hochwasserschutzes, erläuterte die Ideen des Kantons. Er erinnerte an die Unwetter von 2005 und 2007. „Diese Ereignisse mit Schäden von rund 200 Millionen Franken haben klar gezeigt, dass der Hochwasserschutz an der Kleinen Emme verbessert werden muss.“ Die Mittel dazu sind mannigfaltig: Vergrösserung der Abflusskapazität im Siedlungsgebiet, Stabilisierung der beschädigten Ufer sowie ein Umbau und Reparatur der Wehre.
Landwirte müssen weichen
Am meisten zu reden gab das geplante Auenprojekt an der kleinen Emme; das heisst dem Vorhaben, dem Fluss mehr Breite zu geben, um für einen allfälligen Anstieg des Wasserpegels gewappnet zu sein. Ritler erklärte, dass es zwangsläufig die Landwirte sein müssen, welche das Land dafür abgeben müssten. „Es bleibt nichts anderes übrig, denn es ist unrealistisch Wohnquartiere und Industrieanlagen umzusiedeln zu wollen.“
Was logisch klingt, hat für verschiedene Bauernbetriebe einschneidende Auswirkungen. Exemplarisch dafür ist Familie Hofstetter in Schachen. Sie droht mit der Abgabe eines grossen Teils ihres Landes ihre wirtschaftliche Existenz zu verlieren. Ritler beteuerte, dass der Kanton alles unternehme, um der Familie eine sichere Zukunft zu garantieren. Es seien ein Vielzahl von Ideen im Raum – „bis zur Umsiedelung des Hofes“, sagte der Hochwasserschutzexperte.
Gefährdete Naherholungsgebiete
Die anschliessende Diskussion zeigte, dass die Unsicherheit bei den Landwirten enorm ist. Ein betroffener Landwirt aus Malters kritisierte die Informationspolitik des Kantons scharf. „Fakt ist, dass niemand weiss, welche enormen Veränderungen da auf uns zukommen.“ Die Bevölkerung sei sich überhaupt nicht bewusst, welche gravierenden Folgen das Vorhaben habe – gerade für Naherholungsgebiete. „Im Umkreis meines Hofes fällt dem Projekt zum Beispiel ein ganzer Wald zum Opfer“, sagte der Bauer eindringlich.
Die Unterlagen zum Hochwasserschutzprojekt der Kleinen Emme liegen zwar seit dem 30. Juni bis zum 19. Juli bei den betroffenen Gemeinden öffentlich auf – doch dies offenbar nicht zum allseitigen Nutzen. „Ich war dort, es ist absolut unmöglich sich einen Überblick über ein bestimmtes Gebiet zu verschaffen.“ Die Datenmenge sei schlicht zu gross, zu schlecht geordnet und es fehle an Platz. „Wieso findet man diese Überbauungspläne nicht auf dem Internet?“, fragte der Betroffene.
Wertvolles Kulturland geht verloren
Die Notwendigkeit der Schutzbauten wurde nicht grundsätzlich in Frage gestellt. Kritik gab es jedoch gegenüber den vorgesehenen Biodiversitätsflächen, die einen grossen Verlust an bestem Kulturland zur Folge haben. Nationalrat Ruedi Lustenberger sprach aus, was viele Anwesende dachten. „Ich habe den Eindruck, dass in der Verwaltung die Interessen der Umweltverbände ungleich stärker gewichtet werden als diejenigen der Bauernschaft und der Grundeigentümer.“ Auch andere Landwirte schlugen in diese Kerbe.
Andere misstrauten den Untersuchungen der Behörden. „Ist die vorgesehene Schutzzone um den Fluss nicht übertrieben?“ wurde gefragt. Kritisch äusserte sich zudem Bauernsekretär Alois Hodel zu den vom Bund vorgeschlagenen Ausführungsbestimmungen im Zusammenhang mit der Revitalisierung von Fliessgewässer.
Vertrauensbasis fehlt
Ritler bat die Bauern um Vertrauen. „Zwischen Ihnen und uns muss eine Vertrauensbasis entstehen.“ Sonst gehe es nicht. „Wir haben umfangreiche Analysen durchgeführt, um die notwendigen Projekte auszuscheiden.“ „Ich appelliere an sie, bitte vertrauen Sie uns und hören Sie nicht nur auf ihr Bauchgefühl.“
Sekundiert wurde Ritler von Paul Dändliker vom Bundesamt für Umwelt. Die vorgeschlagenen Änderungen seien das absolute Minimum. „Wir Wasserbauer wären gerne weitergegangen.“ Für eine wirkliche ökologische Aufwertung sei die Bewegungsfreiheit des Flusses noch immer nicht genug gross. Das nun vorliegende Projekt stelle als einen Kompromiss dar.
Die Diskussion erstreckte sich bis weit in den Abend – bis auch draussen das stürmische Wetter sich wieder beruhigt hatte.
